Belichtungszeit einfach erklärt

Wenn Ihr Euch eine Spiegelreflex- oder Systemkamera zulegt, werdet Ihr Euch auch irgendwann mit dem manuelle Modus oder einem der halb-automatischen Ausnahmemodi beschäftigen. Nur so werdet Ihr die Gestaltungsmöglichkeiten Eurer Kamera voll ausschöpfen.
Bevor Ihr aber nun im Automatikmodus wild drauflos fotografiert solltet Ihr Euch mit den technischen Basics beschäftigen. In diesem Zusammenhang werdet Ihr verstehen müssen was es mit der Blende, der Brennweite, dem ISO-Wert und der Belichtungszeit auf sich hat.

Was ist die Belichtungszeit?

Die Belichtungszeit (oder auch Verschlusszeit) gibt an, wie lange Licht auf den Sensor der Kamera einfallen kann. Dabei gilt größer der Wert gewählt wird, desto heller wird das Foto. Im Umkehrschluss führt eine kürzere Belichtungszeit zu einem dunkleren Bild.

Oft wird die Verschlusszeit als Kehrwert (n-ter Teil einer Sekunde, also 1/n) angegeben. Zeigt Eure Kamera also eine Verschlusszeit von 500, wird Euer Foto 1/500 Sekunden (also eine fünfhundertstel Sekunde oder 0,002 Sekunden) lang belichtet . Entsprechend steht denn eine Verschlusszeit von 2 für 0,5 Sekunden und gilt schon als recht lang.

Natürlich sind auch Belichtungszeiten von mehr als einer Sekunde möglich. Bei vielen Kameramodellen werden Belichtungszeiten ab 1 Sekunde mit nachgestellten “ im Display gezeigt. So entspricht eine Anzeige von 2″ einer Belichtungszeit von 2 Sekunden.

 

Auswirkung der Belichtungszeit auf die Bildgestaltung

Die Belichtungszeit beeinflusst nicht ausschließlich die Helligkeit des fertigen Bildes. Vielmehr kann die Belichtungszeit als Stil- bzw. Gestaltungsmittel eingesetzt werden.

Lange Verschlusszeiten führen zu der sogenannten Bewegungsunschärfe. Sollen fließende Bewegungen künstlerisch festgehalten werden, ist eine lange Verschlusszeit das Mittel der Wahl.

Beispiele:

  • Ein Auto im Dunkeln („Lichtraupen“ ziehen sich durchs Bild)
  • Das fließende Wasser eines Bachs

Bilder die derart belichtet sind vermitteln dem Betrachter immer eine gewisse Dynamik.

 

Darauf müsst Ihr achten

Bei langen Belichtungszeiten werdet Ihr ein Stativ brauchen, weil ihr Eure Bilder sonst verwackelt. Nun fragt Ihr Euch zu Recht was eine „lange“ Belichtungszeit ist.

Diese Frage lässt sich leider nicht pauschal beantworten und ist davon abhängig welche Kombination aus Kamera und Objektiv Ihr verwendet.

Falls Ihr eine Vollformatkamera (z.B. Canon Eos 6D, Nikon D750 oder Sony A77) Euer Eigen nennt, könnt Ihr Euch an einer relativ einfachen Faustformel orientieren:

1 / Brennweite des Objektivs = max. Belichtungszeit

Ok klingt im ersten Moment nicht ganz einfach, ist es aber! Ein Beispiel: Ihr habt auf Eurer Vollformatkamera ein Standardobjektiv mit einer Brennweite von 50mm. Also ist die maximale Belichtungszeit 1/50 Sekunde. Bei einer Brennweite von 70mm wäre es nur noch 1/70 Sekunde. Ich glaube das System ist nachvollziehbar…

 

Für den Fall, dass Ihr nicht weit über 1.000 Eur für Eure Kamera ausgegeben habt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihr eine „Crop“-Formatkamera habt. Das heißt, dass der Sensor kleiner als bei einer Vollformatkamera ist („Crop“ = beschnitten). Aufgrund dieser kleineren Sensorgröße ergibt sich eine Verlängerung der Brennweite. Das führt dazu, dass der s.g. Crop-Faktor in die Gleichung von oben eingebaut werden muss:

1 / Brennweite des Objektivs * Crop-Faktor = max. Belichtungszeit

Den genauen Crop-Faktor könnt Ihr auf der Herstellerseite Eurer Kamera oder in der Anleitung nachlesen. Nachfolgende Tabelle gibt Euch für die gängigsten Hersteller eine Übersicht der Crop-Faktoren:

Hersteller Crop-Faktor
Canon 1,6
Nikon 1,5
Pentax 1,5
Sony 1,5

 

Zur Veranschaulichung hier wieder ein kleines Beispiel: Ihr nutzt eine Canon EOS 80D mit einem 50mm Standardzoom. Durch die Brennweitenverlängerung ergibt sich ein Bildausschnitt, der einer Brennweite von 80mm am Vollformatsensor entspricht. Die maximale Belichtungszeit ist in diesem Fall also nicht 1/50 Sekunde sondern 1/80 Sekunde.

Bevor mich nun jemand für die Behauptung zerreißt, dass ein 50mm Objektiv an einer Crop-Kamera zu einer 80mm Brennweite wird: Nein, das ist natürlich nicht so! ein 50mm Objektiv ist und bleibt an jeder Kamera ein 50mm Objektiv. Nur der von der Kamera aufgenommene Bildausschnitt ist von der Sensorgröße abhängig.

Die folgende Abbildung zeigt wie ein Foto an einer Vollformatkamera aussehen könnte. Der Kreis ist das Sichtfeld des Objektivs.

 

Im Vergleich dazu sieht das gleiche Motiv an einer Crop-Kamera etwa so aus.

 

Ihr seht, dass der Kreis (also das was das Objektiv zeigt unverändert bleibt, der Teil, den die Kamera sehen kann, aber kleiner wird.

Hier noch einmal beide Formate im direkten Vergleich.

 

Würden wir nun auf eine Vollformatkamera ein 80mm Objektiv stecken, hätten wir den gleichen Bildausschnitt wir mit dem 50mm Objektiv an einer Crop-Kamera.

 

Ausnahmen

Kommen wir zurück zur Belichtungszeit! Bisher habt ihr erfahren mit welchen maximalen Belichtungszeiten Ihr aus der Hand fotografieren könnt. Wie immer gibt es zu jeder Regel auch Ausnahmen.

 

Objektive mit Bildstabilisierung

Viele Hersteller haben Objektive mit aktiver Bildstabilisierung im Angebot. Bei Canon tragen diese Objektive beispielsweise das Kürzel „IS“ (Image Stabilization) im Namen bei Tamron ist es „VC“ (Vibration Control). Hier gibt es Angaben von bis zu 8 Belendstufen, die durch die Stabilisierung ausgeglichen werden. In der Praxis sind Werte von 3 – 5 Blenden schon sehr gute Werte. Mit einem solchen Objektiv könnt Ihr durchaus längere Belichtungszeiten aus der Hand realisieren.

Kommen wir zu unserem Beispiel der Canon EOS 80D zurück. Stellen wir uns vor ihr steckt das Canon EF 70-200mm L IS USM f/2.8 drauf und wollt mit einer Brennweite von 100mm fotografieren.

Unsere Faustformel sagt 1 / Brennweite * Crop-Faktor = max. Belichtungszeit. In diesem Fall also 1 / 160 Sekunde. Nun hat das Objektiv aber einen sehr guten Bildstabilisator und Ihr könnt durchaus noch mit 1 / 80 Sekunde scharfe Bilder aufnehmen.

 

Stative

Eine andere Möglichkeit ist die Nutzung eines Stativs. Achtet beim Kauf eines Stativs darauf, das ihr nicht das günstigste kauft das Ihr finden könnt. Wichtig ist, dass die Dinger stabil stehen und nicht beim kleinsten Windstoß anfangen zu wackeln. Weiterhin haben solltet Ihr Euch überlegen wofür Ihr das Ding nutzen wollt. Bei Marko Aufnahmen ist es hilfreich, wenn das Stativ die Möglichkeit hat die Kamera auch von unten zu befestigen.

Habt Ihr Eure Kamera also auf einem Stativ befestigt könnt ihr problemlos 10, 20 oder gar 30 Sekunden lang belichten. Derartige Belichtungszeiten sind nur sinnvoll wenn Ihr mit ND Filtern (Neutraldichtefilter) oder bei Nacht fotografiert.

 

 

So das soll es erst einmal gewesen sein. In meinen nächsten Artikeln geht es dann um die weiteren Basics: Blende, ISO und Brennweite. 

Falls euch dieser Artikel gefallen hat, schaut Euch auch gerne meine anderen „einfach Erklärt…“ Artikel aus dem Blog an.

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